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Der Wagenplatz Schwarzer Kanal soll weichen
Von den Bewohner/innen des Wagenplatzes Schwarzer Kanal

Der Schwarze Kanal ist einer der ältesten Wagenplatze Berlins. Im Jahr 1990 siedelte er sich an der Schillingbrücke an, dort, wo sich heute die Verdi-Zentrale befindet. Seit 2002 stehen die Wagen auf dem Grundstuck Michaelkirchstrase 20, aber am Ende des Jahres sollen die Bewohner/innen wegen eines Neubaus weichen.
Weit mehr als nur ein Wohnort für 25 Menschen versteht sich das Projekt „Queer-Wagenplatz Schwarzer Kanal“ als politischer Freiraum, wo zahlreiche nicht-kommerzielle Veranstaltungen für einen breiten Besucherkreis stattfinden. Das Wort queer“ – für viele nur ein Sammelbegriff für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und intersexuelle Menschen – steht hier für ein linkspolitisches Bewusstsein, das Geschlechternormen in Frage stellt und die Anliegen von sexuellen Minderheiten mit Antirassismus und Antifaschismus verbindet. Für den Wagenplatz Schwarzer Kanal bedeutet das, diesen Anspruch im Alltag und mittels Veranstaltungen und anderen Angeboten zu verwirklichen. Es gibt regelmäßig thematisch zugeschnittene Filmabende und Konzerte, eine wöchentliche Volksküche, ein Film- und ein Musikfestival pro Jahr, eine Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt, die auch Fahrräder für Flüchtlinge sammelt, repariert und verteilt. Der Schwarze Kanal ist ein Ort, wo sich Menschen vernetzen können, um gemeinsam Ideen zu verwirklichen und politisch aktiv zu werden. Alles läuft auf Spendenbasis. Das Projekt bietet eine Alternative zur kriselnden Marktwirtschaft und einen Anlaufpunkt für Berliner/innen aus unterschiedlichsten Zusammenhangen: einen Platz, wo man sich treffen kann, frei von wirtschaftlichen Zwangen. Der Alltag der Menschen, die dort wohnen, wird gemeinsam organisiert. Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Ein schonender Umgang mit Umweltressourcen ist für alle eine Selbstverständlichkeit, der Strom wird mit Sonne und Wind reduziert und das Gemüse wird selbst angebaut. Mangels Investoren, die dort bauen wollen, hat der Grundstückseigentümer, die Firma Hochtief, dem Schwarzen Kanal seit 2002 erlaubt, zwei benachbarte Grundstucke zu nutzen: Köpenicker Straße 50 und Michaelkirchstrase 20. Aber: Als Anfang dieser Dekade Hochtief das Grundstuck Köpenicker Straße 50 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben kaufte, unterschrieb das Unternehmen einen Vertrag, der es verpflichtete, das Grundstuck bis 2010 zu bebauen. der Köpenicker Straße 50 befinden sich der Garten und ein Waldchen. Früher standen auch dort Wagen, aber die Architekten des benachbarten Deutschen Architekturzentrums und der Vermieter eines anderen benachbarten Gebäudes klagten gegen den Wagenplatz. Der Richter erklärte das Projekt zu einem „städtebaulichen Missstand“. Diese Beurteilung klingt zwar fast lustig, zeigt aber die Verachtung gegenüber denjenigen, die eine andere Meinung haben, wie Städte gestaltet werden sollen. Da die Klage falsch formuliert war und nur für die Köpenicker Straße 50 galt, durften die Wagenbewohner/innen auf dem anderen Grundstuck wohnen bleiben. Die Firma Hochtief ist schon bereit, den Wagenplatz als einen verantwortungsvollen Mieter weiter zu empfehlen und hat auch selbst Ersatzgelände angeboten. Eins liegt in Marzahn unweit einer Sickergrube und die anderen außerhalb der Stadtgrenze. Das Projekt versteht sich aber als Teil des kulturellen Lebens der Innenstadt und wurde seinen Zweck verlieren, wenn es nicht mehr im Zentrum angesiedelt wäre. Die Wagenbewohner/innen und Unterstutzer/ innen suchen derzeit nach neuen Grundstücken. Bezirkspolitiker zeigen sich zwar besorgt, haben aber bis jetzt keine konkreten Vorschläge gemacht. Es fallt schwer, nicht auf den Verdacht zu kommen, dass es recht gut zu den Interessen einiger Politiker und Entscheidungsträger passt, wenn Subkultur und nicht kommerzielle Projekte an den Stadtrand abgeschoben werden. Mehr Unterstutzung auf Bezirksund Senatsebene wäre wünschenswert. Wenn bis Ende Dezember keine Losung gefunden ist, werden die Wagenbewohner/innen wohl auf ihrem jetzigen Platz bleiben müssen. Sie kundigen an, das Gelände nicht freiwillig zu verlassen. Vom 21. bis 25. Oktober ist wieder „Queer and Rebel“-Woche, mit Werkstatten, Gesprächen, Konzerten, Kunst und Aktionen rund um das Thema Gentrifizierung und Stadtsanierung bzw. die Entwicklung und den Erhalt von selbst bestimmten, nicht kommerziellen Projekten, queerem Leben und unabhängiger Kultur. Weitere Infos: www.schwarzerkanal.squat.net Wagenplatz Schwarzer Kanal. Da es in Berlin im Moment nicht gerade eine rege Nachfrage nach neuen Gebäuden gibt – überall stehen Büroflächen und Industriegebäude leer – hat Hochtief keine andere Möglichkeit gesehen, als für sich selbst und seine Tochterfirmen einen neuen Firmensitz zu bauen. Die derzeitig genutzten Büros werden dann wohl wieder leer stehen. Das Grundstück an der Michaelkirchstrase 20 braucht Hochtief für seine „Baulogistik“. Dort stehen die Wagen des Schwarzen Kanals, auf dem angrenzenden Grundstuck.